Steinkohlekraftwerk in München – Pro und Contra für den Bürgerentscheid am 5.11.

Am kommenden Sonntag, den 5.11.2017, dürfen die Münchner Bürger ihre Meinung zur früheren Stilllegung von Block 2 des Heizkraftwerks Nord sagen, der mit Steinkohle betrieben wird.

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Das ist ein extrem kompliziertes Thema, denn es gibt viele Ansichten und die Auswirkungen reichen weit in die Zukunft und sind zum Teil spekulativ. Ich blicke de selbst nicht vollständig durch, aber ich möchte hier versuchen, mein Verständnis der Situation wiederzugeben. Vielleicht hilft das auch mir selbst, meine Entscheidung für die Abstimmung zu treffen – momentan fällt mir das gar nicht leicht.

Der Status Quo im Heizkraftwerk Nord

Momentan wird einer von drei Blöcken des HKW Nords mit Steinkohle beheizt. Das Rathaus und die SWM planen den Weiterbetrieb bis 2027 oder 2029, in der Abstimmung geht es also um eine Differenz von fünf bis sieben Jahren. Grundsätzlich wäre der Betrieb bis 2035 ausgelegt, das wollen die SWM aber nicht, weil sie ebenfalls den Ausstieg aus der Kohle beführworten. Derzeit stößt der Steinkohleblock aufs Jahr gesehen ähnlich viel CO2 aus wie der Münchner Stadtverkehr – nach Angaben der SZ etwa 1,7 Millionen Tonnen pro Jahr.
Die verheizte Steinkohle ist weniger umweltschädlich als Braunkohle, muss aber importiert werden. Die Kohle kommt vor allem aus Russland, Kolumben, Südafrika und den USA und ist sehr billig. Der Abbau ist in jedem Fall schädlich für die Menschen und die Umwelt in den  Ursprungsländern und nicht zu befürworten.

Die Stadtwerke und das Rathaus erwarten, dass es erst 2027/28/29 möglich sein wird, den Steinkohleblock ohne zu große finanzielle Verluste auszuschalten. Laut einem Gutachten ist das Kraftwerk momentan vor allem für Fernwärme noch für München relevant.  Erst bis 2027 erwarten die SWM, dass die Geothermie in München weit genug ausgebaut sein wird, um die Fernwärmeleistung des betroffenen Blocks zu übernehmen. Die Stromerzeugung könnte durch andere, umweltfreundlichere Kraftwerke übernommen werden. Dass die Geothermie in München momentan noch nicht so weit ist, ist möglicherweise auf Versäumnisse der Stadtwerke zurückzuführen, die den Ausbau schon früher hätten vorantreiben können.

Der Bürgerentscheid am 05.11.2017 …

hat selbst keine echte Entscheidungskraft. Er ist nicht bindend, sondern zeigt nur die Meinung der Münchner Bürger. Im Fall einer positiven Abstimmung wird ein Antrag an die Bundesnetzagentur gestellt. Sie wird über die Relevanz des Steinkohleblocks für die Versorgungssicherheit entscheiden und kann ein Veto gegen die Stilllegung einlegen. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt und auch 2022 noch höchstwahrscheinlich.

Mit der Unterstützung durch eine Abstimmung könnte das Kraftwerk trotz eines Vetos rein rechtlich gedrosselt werden und nur noch auf ‚Stand-By‘ laufen, um für Engpässe bereit zu stehen. Es würde weiterhin CO2 ausstoßen, aber weniger als bisher.

Falls das Steinkohlekraftwerk in München abgeschaltet wird

Der Ausstieg im Jahr 2022 ist laut der Studie des Öko-Instituts möglich und wird erst einmal zu realen CO2-Einsparungen in München führen. Momentan stößt der Kohle-Block etwa 1,7 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aus.
Allerdings müssen die Aufgaben, die Block 2 bis dahin übernommen hat, von anderen Kraftwerken innerhalb und außerhalb Münchens getragen werden. Dabei geht es vor allem um die Wärmeerzeugung. An kalten Tagen müssten ohne den Block im Kraftwerk Nord zusätzliche Kraftwerke zugeschaltet werden, zum Beispiel Gaskraftwerke (gasbetriebene Heizkessel ohne Stromerzeugung), sagen die Studie und die Stadtwerke. Die müssten allerdings erst noch gebaut werden, die bestehenden beiden Blocke im HKW Nord sowie das HKW Süd würden nicht ausreichen. Befürworter der früheren Abschaltung gehen davon aus, dass es ohne zusätzliche Kraftwerke geht und die bestehenden Kraftwerke sowie ein extrem schneller Ausbau der Geothermie reichen, um das aufzufangen. Die Verfasser der Studie und die SWM erwarten nicht, dass die Geothermie in München bis 2022 schnell genug ausgebaut werden kann, um den Wegfall des Kohleblocks auszugleichen.

Für eine Umstellung auf Geothermie müsste ein sehr schneller Ausbau sofort losgehen. Das ist ja wünschenswert: Geothermie ist eine sehr umweltfreundliche Methode für Wärmeerzeugung und sollte gefördert werden. In München muss dafür das  Fernwärmenetz von Wasser auf Dampf umgestellt werden sowie neue Kraftwerke oder Bohrungen erzeugt werden. Die Geothermiewerke in Sauerlach oder Freimann zeigen, welchen Aufwand das bedeutet. Ein auf Zeit angelegter Umstieg würde hohe Investitionskosten, großen Ressourcenverbrauch und viele Baustellen im Münchner Stadtgebiet mit sich bringen. Diese würden sich negativ auf die Verkehrssituation (öffentlich wie Auto) auswirken. Die SWM und andere Akteure gehen davon aus, dass es unmöglich ist, die nötigen Baumaßnahmen und Veränderungen bis 2022 zu erreichen. Sie rechnen damit, bis 2027/29 so weit zu sein. Der zeitliche Aufschub würde ihnen genug Zeit geben, um z.B. Baumaßnahmen zu entzerren und weniger Baustellen gleichzeitig zu haben.

Sollte die Abschaltung 2022 anstehen und die Geothermie nicht weit genug sein, müssten andere Kraftwerke die Aufgaben des Kohleblocks übernehmen. Dafür kommen vor allem Gaskraftwerke in Frage. Diese beziehen ebenfalls fossile Energieträger, sind aber umweltfreundlicher als Kohlekraftwerke. Insgesamt verringert sich die CO2-Einsparung aber, da andere Kraftwerke ohne Block 2 vom HKW Nord mehr arbeiten müssen. (Einsparung durch Wegfall Kohle – benötigter Ausgleich = geringere Einsparung)
Außerdem muss Infrastruktur hinzugebaut werden, verschiedene Quellen sprechen von einem neuen Gaskraftwerk im Großraum München oder gasbetriebenen Heizkesseln, die keinen Strom erzeugen (ist das dann auch ein Gaskraftwerk?). Das würde ebenfalls erneuten Aufwand von Ressourcen und Geld bedeuten, Baustellen verursachen und selbst wieder CO2 ausstoßen. Es wäre ein großer Kraftakt, ein neues Kraftwerk bis 2022 zu planen, genehmigen zu lassen und dann auch zu bauen. Dieses Kraftwerk würde nach dem vollständigen Umstieg auf Geothermie zum geplanten Abschaltdatum 2027/29 nicht mehr benötigt. Ob da Kosten und Nutzen im Verhältnis stehen, kann ich nicht einschätzen.

Die globale Perspektive

Vom Umfang her gesehen ist das Heizkraftwerk Nord – Block 2 nur teilweise global relevant. Bei einer Stilllegung  2023 können etwa 6,4 bis 8,8 Millionen Tonnen CO2 im Vergleich zum Weiterbetrieb eingespart werden (für 2022 gibt es keine Berechnungen). Das ist einiges an CO2, allerdings emittieren andere Kohlekraftwerke in Deutschland deutlich mehr. Die von der SWM beauftragte Studie sagt, dass die Bilanz für München allein nicht für einen Einschätzung herangezogen werden sollte – sie ist zwar gut, lässt aber aus, dass auch Kraftwerke außerhalb Münchens einspringen müssten, um den Wegfall zu kompensieren, was die CO2-Einsparungen verringert.

Ein weiterer Aspekt, der hier relevant ist, ist der Handel mit Emissionszertifikaten. Momentan ist der Preis für die Zertifikate sehr niedrig. Wenn das bis 2022 so bleibt (was momentan kaum vorherzusehen ist, in fünf Jahren kann einiges passieren), ist es wahrscheinlich, dass die Zertifikate, die München durch die Umstellung einspart, einfach weiterverkauft werden. Global würde so kein CO2 eingespart. Allerdings sind schon jetzt zu viele Zertifikate auf dem Markt, das Angebot übersteigt also die Nachfrage, so Herr Prudlo von der ÖDP. Einige Zertifikate aus München würden daran nichts ändern.
Wenn die Preise für die Zertifikate aber steigen oder die EU Zertifikate vom Markt nimmt, kann es sein, dass die ‚frei gewordenen‘ Zertifikate nicht weiterverkauft werden und so tatsächlich weniger CO2 in die Atmosphäre gelangt. Die Studie des Öko-Insituts stellt fest, dass auf europäischer Ebene durch eine frühzeitige Abschaltung Einsparungen zu erwarten sind, es ist aber auch möglich, dass aufgrund des Emissionshandels gar kein CO2 eingespart wird.

Auf der Meta-Ebene

Was für mich als Sozialwissenschaftler immer spannend ist, ist die Symbolwirkung solcher Entscheidungen. Wenn München tatsächlich frühzeitig aus der Verbrennung von Steinkohle aussteigt, wäre das sicher eine symbolträchtige Entscheidung, die vielleicht auch Einfluss auf andere Städte hätte. Auf lange Sicht ist es auf jeden Fall unerlässlich, von der Kohle wegzukommen, und das besser früher als später. In diesem speziellen Fall sehe ich als Gegenargument den recht großen Aufwand, den der reale Ausstieg im Jahr 2022 mit sich bringen würde. Letzenendes liegt die Entscheidung aber nicht nur bei den Münchner Bürgern: Es gibt noch andere Player, die hier einen Einfluss auf die tatsächliche Zukunft haben.

Letzendlich habe ich jetzt deutlich mehr Zahlen und Fakten im Kopf als noch vor dem Artikel, bin mir aber immer noch nicht zu 100%, wie ich abstimmen soll. Klar befürworte ich den Ausstieg aus der Kohle und aus fossilen Energieträgern, aber stehen hier Aufwand und Nutzen im Verhältnis? Und darf man so etwas überhaupt überlegen, oder sind wir inzwischen soweit, das ökologische Entscheidungen auf jeden Fall vorangetrieben müssen? Aber wenn ja, stößt dann nicht vielleicht der nötige Umbau mehr CO2 aus, als eingspart werden würde…???

Was ist eure Meinung zu dem Thema? Ich würde mich total freuen über andere Gedanken 🙂

Quellen:

Analyse der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/heizkraftwerk-nord-kraftwerk-buergerentscheid-darueber-duerfen-die-muenchner-abstimmen-1.3716157-2

Analyse auf MUCBOOK: https://www.mucbook.de/2017/10/26/kohlekraftwerk-muenchen-nord-abschalten-eine-gute-idee-raus-aus-der-kohle/

Stellungnahme der Stadtwerke München: https://www.swm.de/privatkunden/unternehmen/energieerzeugung/heizkraftwerke/hkw-nord-kohleverbrennung.html

Abschaltungsbefürworter und Downloadmöglichkeit der Studie von Öko-Institut e.V.: http://www.raus-aus-der-steinkohle.de/swm-studie/

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