Kabelsalat im Münchner Süden

Wer momentan in München unterwegs ist, stolpert unweigerlich über orange Kabel: Sie liegen in Grünstreifen am Straßenrand, sind an Masten und Laternen über Kreuzungen gespannt oder warten noch aufgerollt auf ihren Einsatz. Woher kommen diese Kabel und für was sind sie gut? Wir haben uns informiert.

Die Stadt München möchte bis zum Jahr 2040 ihre Fernwärme ausschließlich aus erneuerbaren Energien gewinnen. Dafür setzen die Stadtwerke auf Geothermie. Nachdem sich dieses Konzept unter anderem in Riem bewährt hat (1), will die Stadt Geothermie nun noch intensiver nutzen. Im Gespräch sind bis zu fünf neue Kraftwerke bis 2025 (2).

Dafür dienen auch die Kabel, die momentan überall liegen. An ihnen sind sogenannte Geophone befestigt, die im Boden versenkt werden. Sie werden durch die orangenen Kabel miteinander verbunden, um eine gebündelte Auswertung der Messdaten vornehmen zu können. Daten entstehen aber erst, wenn die Vibro-Fahrzeuge der SWM anrücken. Sie versetzen den Boden mit Platten in Schwingungen. Die Schwingungen breiten sich im Boden aus, werden von den verschiedenen Gesteinsschichten reflektiert und an die Geophone zurückgeleitet. Damit lässt sich eine dreidimensionale Karte vom Münchner Untergrund zeichnen. Gesucht wird die Bodenschicht Malm, eine Kalksteinschicht, in der Thermalwasser geführt wird. Diese Schicht ist unter der Erde zu den Alpen hin abfallend. Je tiefer die Schicht im Untergrund ist, desto wärmer ist das Wasser, das daraus gewonnen wird. Daher ist für die Geothermie vor allem der Münchner Süden interssant. (3)

Vibro-Fahrzeug-Seismikmessungen-Foto-SWM (2).jpg

Ein Vibro-Fahrzeug. Foto:SWM.

An günstigen Standorten wird die Kalksteinschicht angebohrt und das heiße Wasser nach oben gepumpt. Das Wasser hat je nach Standort im Raum München eine Temperatur von ca. 80 bis über 100 °C. Das Wasser kann dazu verwendet werden, ein Wasser-Ammoniak-Gemisch in einem zweiten Kreislauf zu erhitzen, das dann eine Dampfturbine antreibt. Durch den Ammoniak ist das bereits ab 80°C möglich. Damit kann das geförderte Wasser in einem Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung  zur Stromgewinnung verwenden werden (5). Wenn das Wasser über 100°C warm ist,  wird der Wasserdampf direkt in einer Dampfturbine in Strom umgewandelt. Die entstehende Abwärme wird als Fernwärme ins Münchner Energienetz eingespeißt. Diese Doppelnutzung durch Kraft-Wärme-Kopplung gilt als besonders umweltfreundlich.
Eine weitere Möglichkeit bietet die direkte Einspeisung ins Fernwärmenetz, was derzeit in Riem der Fall ist. Das erkaltete Wasser wird in jedem Fall wieder zurück ins Malm gepumpt – ob dies Auswirkungen auf die Umwelt hat, wird ebenfalls nicht ausführlich thematisiert, die SWM beschreibt es als „Kreislauf ohne Eingriff ins Ökosystem“ (3).

Definiv ist Geothermie aber eine bessere Lösung als Atomkraft oder Kohlekraftwerke zur Wärmegewinnung. Die Stadt München setzt sich schon recht ambitionierte Ziele: Neben der Fernwärme soll bis 2025 nur noch Ökostrom geliefert werden (4). Wenn sich die Stadt München und die Stadtwerke so intensiv um grünen Strom und Energie kümmern, dann sollte sie auch ernsthaft in Betracht ziehen, das Heizkraftwerk Nord, das mit Kohle betrieben wird, möglichst bald abzuschalten. Die neuen Geothermiequellen sollten das ermöglichen. Auch wenn durch die große Tiefe und schräge Bohrlöcher viele Standorte erreicht werden können, bleibt eine Frage: Die Messungen werden auf einem großen Gebiet durchgeführt, vieles davon ist Wohngebiet. Was passiert aber, wenn in einer Siedlung der perfekte Geothermiestandort gefunden wird?

Signatur


 

  1. https://www.swm.de/privatkunden/unternehmen/engagement/umwelt/vision-fernwarme
  2. https://www.swm.de/dam/jcr:8756f5e3-c9fe-4cf2-9e01-f27ffa74061e/versorgung20151028-3d-seismik-messkampagne.pdf
  3. https://www.swm.de/dam/jcr:8c85cf20-5d43-44d5-9d1d-8e99ceb1367d/flyer-seismik-messungen-anwohner.pdf
  4. http://www.klimaretter.info/protest/hintergrund/20603-ein-kohlekraftwerk-erhitzt-die-muenchner
  5. http://www.geothermie.de/wissenswelt/geothermie/anlagetypen-in-der-praxis.html
Advertisements

2 Gedanken zu “Kabelsalat im Münchner Süden

  1. Pingback: 1/2 Jahr Grünes Element: Rückblick | Grünes Element

  2. Pingback: 1/2 Jahr Grünes Element: Rückblick | Grünes Element

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s